Biker Summit 2016 – Ischgl (2)

Biker Summit 2016 – Ischgl (2)

Biker Summit 2016 – Ischgl (2)

Da fängt Ischgl an, wo ist denn nun der Parkplatz, auf dem das Event stattfindet. Da kommt etwas mit roten aufgeblasenem Torbogen, KTM steht drauf und ein paar vereinsamte Mopeds stehen auch da.

Das Festgelände, ein Parkplatz

Das wird es sein. Gut, gehen wir zur Pensionssuche über, war in Galtür vorgesehen, zwei Villages weiter. Alles in leichtem Regen, geht es doch voran. Zweimal die mainstreet abgefahren und das im Internet abgebildete Haus ist nicht zu sehen. Nicht so schlimm, gut das nicht vorher gebucht war, waren ja an fast jeder Ecke Schildchen mit Zimmer frei. Pragmatisch das nächste Haus mit so einer Einladung angelaufen und die Klingel betätigt. Ausgestorben, kein Mucks. Das nächste eben angefahren und der gleiche Erfolg. Bin ich zu früh auf der Matte? Dann verschieben wir die Operation erst einmal.

Um 17 Uhr stand auf dem Programm „Silvretta Hochalpenstraße ohne Gegenverkehr“, bei dem Wetter hatte ich dazu wenig Lust und ich weiß nicht, ob die Abfahrt verpaßt wurde oder ob es gar ausgefallen ist. Wochen später las ich im Programmzettel, den ich allerdings dort erst bekommen habe: „auf Grund der aktuellen Baubereiche entlang der Silvretta Hochalpenstraße ist aus Sicherheitsgründen ein gefahrenfreies Befahren der Straße nicht möglich.“ Stattdessen die Stuntshows angesehen. Na ja, quietschende, qualmende und rutschende Reifen sieht man in dieser hohen Anzahl nicht so oft, aber das Antriebsrad durchdrehen lassen, habe ich schon vor vielen Jahren auch probiert.

Motorrad mit zusätzlicher Bremsen
Stuntmotorrad mit drei Bremszangen am Hinterrrad.

Ob nun Vorderrad oder Hinterrad in die Luft gehoben wird, kann man üben. Zwar nicht mit jedem Motorrad, aber wem das Spaß macht, der läßt sich ein passendes Motorrad bauen. Spannender war da schon der Parcour mit dem Elektromotorrad. Nach Ankündigung ein Serienmodell mit dem der Driver Einrad fahren, hüpfen über Baumstämme und solche Späßeken für den Zirkus vorführte. Alles nur mit einem leichten Summen des Motors.

Das noch fehlende Dach für die Nacht trat in den Vordergrund. Da direkt hinter dem Gelände eine Herberge stand, die jedoch nur ein paar Meter entfernt über eine Brücke des reißenden Trisanna zu erreichen war, ist das Ziel des nächsten Versuches geworden. Das Wasser wird so benannt und ist keine exotische Umschreibung. Der junge Mann an der Rezeption tat erst einmal kund, daß endlich einmal bei ihm alles belegt sei. Er konnte in einer lokalen Datenbank nachsehen, ob die Konkurrenz etwas bieten konnte. Da wäre gegenüber in Ischgl etwas frei und auch die Pizzeria am Ortsausgang könnte etwas bieten. Das Gegenüber zeigt er mir auch vor der Tür. Die Hausbeschriftung konnte man von hier gut erkennen. Ob die Erkennbarkeit unten auf dem Straßengewirr auch gegeben war, probierte ich erst garnicht aus. Die Pizzeria habe ich dann auch nicht gesehen. Irgendwie habe ich Ischgl nach einem Film im Gedächtnis, in dem ein Urlaubspaar im Winter all das erlebte, was so im Skiurlaub schiefgehen kann. Das hält Jahrzente. So fuhr ich doch ein Dorf weiter. Das Haus, welches mir gefiel, war wieder das, wo ich schon vergeblich klingelte, so nahm ich das gegenüberliegende. Die müssen alle Urlaub machen.

Nun hatte ich genug von dem Absteigen, Helm abnehmen, klingeln, warten, Helm aufsetzen, Aufsteigen, Motorrad starten, fahren, gucken, anhalten und auf ein neues. Das nächste Hotel mit Restaurantbetrieb und offener Tür war meines. Zimmer habe ich bekommen, zwar nicht in diesem Haus, sondern in einem in der zweiten Reihe. Das Motorrad konnte ich entweder hinter dem Haus oder in der Tiefgarage abstellen. Die Sauna wäre auch zur Benutzung dabei. Später ging mir natürlich auf, Tolles Angebot, was man so alles nicht braucht, Wellnesslandschaft, Spielezimmer. Halt vier Sterne, auch zu bezahlen. Hätte ich doch nach dem Preis fragen und verhandeln sollen. Tiefgarage, uih, die hatte eine steile Abfahrt, die muß man ja auch wieder herauf.

Tiegaragenausfahrt mit Überwindung einer Geschoßhöhe
Steigungen zu fahren ist eine Herausforderung

Nee, erst einmal auf dem Hof abgestellt und einen Eingang gesucht, der große mit dem Glastürdurchgang, der war geschlossen. Daneben gab es einen schmalen Schlauch um im Winter die Gäste mit den Skischuhen und Ski zu einem Abstellraum derselbigen zu geleiten. Das war ein Nebeneingang, der weitere auf der Parkplatzseite war verschlossen. Da hätte ich den Schlüssel probieren sollen, doch so stiefelte ich zweimal drei Treppen hinauf bis ich dort eine Erkundungstour unternahm und den Fahrstuhl fand. Klar, war auf der anderen Seite des Treppenhauses, also nicht auf meinem Flur. Murhys Law.

Pause, zwei Stunden auf’s Bett gelegt, dann war Aufbruch zum Freitagskonzert angesagt. Zwischenzeitlich kam noch die Hausdame, sie sollte das zweite Bettzeug einsammeln. Was soll es bedeuten? Bis auf die Luftmatratze bin ich feldmarschmäßig ausgerüstet und im Prinzip würde mir der Skiabstellraum ausreichen.

Ich kam trocken nach Ischgl und der Bandleader erläuterte: „…habe ich schon gesagt, wir sind die milestone“. Bei mir jedenfalls nicht angekommen und macht erst einmal Musik, wenn das überzeugt, dann darft’s sagen. Ein junges Mädchen wurde als Chefin vorgestellt und die sagte: „Wenn ihr Spaß habt, haben wir Spaß“ und hüpfte wie ein Gummiball. Das hat geholfen, zumindest wurde den Musikern der Takt vorgegeben und es kam nach einiger Zeit auch über den Bühnenrand. Die Frau hatte so einen Anklang an die Stimme von Tina Turner, allerdings nichts Fetziges von ihr auf der Pfanne. Da könnte ich mir gut Nut-Bush-City-Limits vorstellen mit diesem Drive einer Botschaft. Als dann die Band bei Satisfaction und einem grandiosen Übergang zu born to the be wild angekommen ist, erlaubte ich mir ein zweites Bier, Flascherl 330 centiliter, der Liter für zwanzig Mark. Aber Burgi hatte ja Geburtstag. Wurde angekündigt und vom Publikum mit einem Ständchen bedacht. Irgendwie verlor die Musik an Mitnahmeeffekt und dann machten die noch eine Pause, nicht ohne anzukündigen es würde danach noch besser werden. Ich habe also die Pause durchgehalten, aber dem Neustart fehlte die Überzeugungskraft und so schwang ich mir auf’s Radl, gerade rechtzeitig, denn es tröpfelte schon wieder. In Mathon angekommen, nahm ich die Abfahrt in die Tiefgarage. Das wird morgen ja etwas werden, die Ausfahrt daraus.

Nach einer guten Nacht kam ich halb Neun zum Frühstücksbuffet. Ein Tisch – irgendwie abgesondert, kein Sichtkontakt zu anderen Gästen – war mit einem Gedeck bestückt und den Tisch belegte ich.

Shirt bedruck mit Backseinmauer und Schriftzug exxtramural
Shirt extramural

Mein T-Shirt extramural hatte den richtigen Aufdruck „extramural“, diejenigen, die im Mittelalter in die Städte strömen wollten, weil Stadtluft frei macht, die Städter davon gar nicht begeistert waren, weil der König ihnen die „Sozialhilfe“ der in der Stadt Lebenden auferlegte und als Folge die Bauernkinder vor der Stadtmauer sich ansiedeln mußten.

 

Positiv hingegen war der Abstand zu dem Teil des Buffets, der aus den herzhaften Belägen und der Warmhalteplatte für Rührei mit Speck bestand. In dem anderen Raum befand sich die Zuckerfraktion und Müsli mit Obst, Gemüse. Tiroler warmer gebratener Speck paßt auch ganz gut auf’s Brötchen beziehungsweise auf ein gutes Brot und das war besser als die Brötchen. Die Käseplatte hat mir auch ganz gut gefallen. Nur die gekochten Eier habe ich erst am nächsten Morgen kennengelernt, die lagen auf warmhaltenden Minikies. Den Minikies habe ich als nicht essbar identifiziert, grau-weißes Irgendwas kann man nicht essen. Angenehm die gekochten Eier, aber der Speck überzeugte mich mehr.

Samstag sollte um zwölf die Parade zur Idalp gehen. Ich mag diese VIP-Touren. Meine erste lernte ich im Vorwahlkampf zum Berliner Regierenden Bürgermeister von Harry Ristock kennen. Die SPD Berlin fuhr mit neun Reisebussen nach Lidice. Wer weiß wo die überall Pause machen? Fünfhundert Menschen könnten unkontrolliert mit den Bürgern der DDR in Kontakt treten, selbst ein Bruchteil davon, noch dazu politisch orientierte, war ein Horrorszenario für die Staatssicherheit. So gab es einen Konvoi durch das gesamte Staatsgebiet der DDR, geleitet durch die Volkspolizei. Sofort nach Einreise regelte die den Verkehr. Kein Stopp, keine Ampel stört, kein Kreuzungshalt. Freie Fahrt für freie Bürger bis zum Verlassen des Staatsgebiets. Beeindruckend war dabei die Fahrt durch die Innenstadt von Dresden. Hat mich schwer beeindruckt und ist etwas anderes als bei den Staatsgästen, für die die Straßen der Hauptstadt gesperrt werden. Jahre später erkannte ich den psychischen Effekt bei einer großen Sternfahrt der Biker-Union wieder, seitdem gibt es keine Sternfahrt ohne mich.

Davor stand jedoch die Ausfahrt über die steile Rampe der Tiefgarage. Das war mehr die Erinnerung an Bergfahrten vor Jahrzehnten, ein schweres Weibchen als Sozius zirka 55 Kilogramm auf dem Motorrad und vor mir blieb das Gespann aus PKW und Wohnanhänger auf der Straße stehen. Das gesamte Gewicht des Motorrades und der Beladung zog talwärts. Das verhinderte die Bremse. Davon gab es zwei, die Handbremse und die Fußbremse. Man stand zunächst und hielt die Stellung mit der Handbremse. Anfahren jedoch war eine diffizile Operation. Zunächst den ersten Gang mit dem linken Fuß einlegen, kein Problem. Dann Gewicht verlagern, um den Halt auf die Fußbremse mit dem rechten Fuß zu verlagern. Erst danach die Handbremse freigeben, genug Gas geben und im Gegenzug Kupplung kommen lassen sowie die Fußbremse freigeben dabei immer das Gleichgewicht halten. Ohne Weibchen und Gepäck rollte das Motorrad relativ flott nach oben, wo es etwas heftiger als normal abgebremst wurde, schließlich sah man nicht was sich auf der Straße tat. Die Befürchtung war völlig übertrieben. Nun konnte mir die Auffahrt zur Alp auch nichts anhaben. Ich hatte auch vorher da keinerlei Bedenken.

Mein Motorradl wurde präpariert mit einer Kamera, die am Lenker montiert rechts an mir vorbei aufzeichnen sollte. Um den richtigen Blickwinkel zu bekommen, war der Abstand vom Lenker recht hoch. Wie befürchtet entstanden erhebliche Vibrationen an der Kamera. Dieser Versuch mußte abgebrochen werden. Zum Glück, denn der Akku bei der anderen Kamera gab innerhalb kürzester Zeit auf. Ein Kamerawechsel geht schneller als ein Akkuwechsel. Dennoch war ich gezwungen meinen Platz im Konvoi gleich zu Beginn aufzugeben, ich kam gerade zum Ende des Zuges wieder in Gang. Nun, das ist nichts Neues. Normaler Stress: gute Bilder sind nicht einfach zu haben und man weiß nicht, was man bekommt. In den entscheidenden Momenten ist ein Regentropfen auf der Linse, der Akku leer, der Chip voll oder die Kamera hat ein falsches Blickfeld. Das sind nicht alle Hürden, denn immer wieder findet man neue Hindernisse, die man noch nicht kannte. Ein nicht enden wollendes Vergnügen, wie ein Kommilitone es einmal in einem anderen Zusammenhang nannte.

Die Anfahrt wurde plangemäß unterbrochen, um in Gruppen die Auffahrt zu machen damit eventuelle Gefährdungen reduziert wurden. Insgesamt alles unspektakulär.

Auf der Idalp sah das angebotene Biker-Menue ganz nett aus, Rumpsteak mit an den Enden abgeschnittenen Maiskolben aufrechtstehend angerichtet. Edel, aber für 18 Euro nicht sättigend aussehend. Also im Vergleich zu Svenjas Pfannen in Schottland, das machen wir nicht. Ein Kaffee und zwei Stäbchen Pommes von einem verlassenen Teller reichen. Ich ess normalerweise Mittags nichts, ist ja ohnehin gleich nach meinem Frünstück. Hier war das allerdings mitten in der Nacht, weil Frühstücksbuffet. Gell Erfahrung: zehn Minuten vor Schluß ist es ziemlich geplündert und zwar im Sinne des Wortes.

Wer auf einen Baum klettert, muß auch wieder herunter kommen. Die Abfahrt von der Alp konnte inviduell gestaltet werden. Gut oder nicht gut zum Fotografieren oder Filmen. Den Clip habe ich noch nicht begonnen.
Zu berichten von der Abfahrt gibt es nichts, es tröpfelte oder zwischenzeitlich auch nicht. Also heim ins Hotel, Mittagsschlaf. Abends fettes Konzert Opus angesagt, ja die mit dem life is life. Ob es da wirklich life gibt?

Ausgeruht ging es abends trocken wieder nach Ischgl.

Hamburger unter Rotlichtlampe
Burger beim Wellnes

Der Bau eines Special-Burgers dauerte länger und die Materialien kamen aus einem eher verstecken Catering-Zelt zwanzig Meter über dem entwidmeten Parkplatz auf offenem Tablett transportiert. Dazu gab es goldgelbe Pommes-Frites, die sicher zu heiß waren und so abkühlen konnten.

Dafür hatten die Brötchenhälften Zeit sich unter einer Rotlichtlampe dem Wellness hinzugeben.

Opus machte Musik, der Kollege neben mir fragte, ob ich einen der Titel, die sie zum Besten gaben kannte. Nee, nie gehört, nichts von dem was da gespielt wurde. Es zog aber nicht vom Hocker, sondern den Kollegen von dannen.

Ich tat mir noch die Ausstellungshalle mit den auszuleihenden Motorrädern an, da es schon eher unangenehm tröpfelte.

Jede Menge Schalter.

Drei BMWs nahm ich näher in Augenschein. 1600, 1400 und 1200 Kubikzentimeter Hubraum verkleidet mit aerodynamischer Rennverkleidung. Eine Schalterbatterie, gegen die meine Stereoanlage blaß vor Neid würde. Eine mit allem was man an Kunststofftaschen verbauen konnte und einem Stockmaß, da bräuchte ich einen Kaiserstein, um auf das Pferd zu kommen.
In Berlin gibt es am Mehringdamm einen solchen und es wird von Generation zu Generation die Geschichte weitergegeben. Das ist auch glaubwürdig, damals lag der Stein weit vor der Stadt und wenn der Kaiser aus Potsdam mit der Kutsche kam, dann stieg er hier auf das hohe Roß um standesgemäß zur Gardegrenadier-Kaserne zu reiten, die weiter unten, aber immer noch vor der Stadt lag.

Die Halle bekam immer mehr Zulauf. War die Musik etwa nicht gut genug? Nein, es schüttete ordentlich, so daß auch der letzte Tourist mit seiner edlen Wanderausstattung, seiner Wetterjacke, unters Dach der kleinen Zelte bewegte. Nach Regen kommt Sonnenschein, Nachts natürlich nicht, aber es hörte auch wieder auf und der Titel life is life wurde dargebracht. Hinz und Kunz zogen ihr Handy und machten ihren Rememberingclip, so auch ich. Neben der Bühne hing ein kleines Plakat Din 4 oder gar A3 mit der Aufforderung Film- und Fotoaufnahmen verboten, worauf mich eine Security-Frau aufmerksam machte. Schade, davon habe ich kein Bild. Aber es paßt auch so in den Rahmen. Ein Opa, der sich bewegt wie ein solcher macht eine Playback-Schau zu einer abgenudelten Schallplatte. Da half der Trick des Tonmeisters nicht, die Bässe, die gestern bei milestone deutlich abgeriegelt waren, hier freizugeben. Ein Tonträger bleibt ein Tonträger und Studioatmosphäre bei einem Konzert ist alles andere als ein Vergnügen. Davon Aufnahmen und die nächsten Veranstalter reden nicht mehr mit Opus. Da kein Regen die Heimfahrt störte und das Highlight keines war, wurde aufgebrochen, was der Himmel mit Undichtigkeit quittierte.

Der Sonntag begann mit Sommerwetter und da die Maut für die Silvrettastraße bei den Hotelkosten inkludiert war, sollte der Weg in alltägliche Gefilde eben über diese gehen. Vorher wollte ich noch die Preisverleihung für die weiteste Anreise, größten Club und den schönsten Bart ansehen. Bei der weitesten Anreise wurde gestern ein Mensch aus Solingen genannt, der bekam auch einen Preis, aber als Jüngster mit 16 Jahren. Es gibt immer einen Finnen oder Schotten bei diesen Wettbewerben, diesmal ein Schotte mit gut über 2000 Kilometern Anreise. Da hat so ein kleiner Berliner keine Chance, aber was will der schon mit einem Skipaß. Ordentlich Skipässe gab für für einen Motorradclub mit fünfzig angereisten Bikern, allesamt in einem Hotel abgestiegen, was den Besitzer gefreut haben dürfte, der nahm die Preise auch entgegen. Müssen sich die Jungs und Mädels von Radio Bamberg jetzt auch noch eine Skiausrüstung zulegen.

Weißwurst mit zugehörigem Tünnes

Sonntagsprogrammpunkt war Weißwurstessen mit Brezel bevor es zum wichtigsten vom Sonntag ging, die Heiligsprechung, na die Segung meiner Waffe, ähh, meines Motorrades und mir. Der strenge Pfarrer, oder war es ein Bischof Tebartz-van-Elst, ging mit einer Schüssel durch die angetretenen Reihen Motorräder und besprenkelte diese mit gesegneten Wasser auf das jegliches Unglück und der Rost fern bleibe. Anschließend folgten ihm zwei Kinder im Nachthemd und verteilten ein symbolisches Kugellager mit einem Kreuz. Auf das es den Motoren keinen Schaden an der Kurbelwelle gäbe. Vielleicht auch irgendwie anders, erklärt hat mir das keiner.

Louis, der Motorradausrüster, war Sponsor des Events und mit einem Stand vertreten. Sie boten kostenlose Kettenpflege und Ölstand prüfen an. Seit den Zeiten der Herkules SS 50 ist mir ein Kettenantrieb ein Graus und wird gemieden. Kein Kettenreinigen und neu schmieren. Die Guzzi hat einen Kardan. Aber Ölstand nachsehen und vielleicht etwas auffüllen, kann nicht schaden da zudem der Ölstand vor Start der Tour schon auf Minimum stand. Es scheint ein Glasserl Öl spendiert worden zu sein. Das sollte im Auge behalten werden. Ölverlust oder -verbrauch bei einer Guzzi ist ungewöhnlich.

Louis Karte

Ein Fahrer hatte in seinem Tankrucksack eine Karte eingeschoben, die sah gut aus. Da musste ich nachfragen, wo er denn die her hatte. Das war eine Louis-Karte aus dem Ständer am Info-Point. Das habe ich doch nicht erkannt, ich dachte das wären alles Werbeflyer. Damit war die Heimfahrt gesichert, denn über die Silvretta zu fahren hatte ich nicht beabsichtigt und meine Karten hörten darunter auf. Hatte meine California 1000 vor Jahren ab einer bestimmten Höhe nach Luft gerungen, was man hören konnte, hat die aktuelle 1100derter keinerlei Anzeichen von Atemnot gezeigt. Der Silvretta-Stausee war anno dunnemals zu kalt und das habe ich mit einer Hand geprüft, um ein Bergbad zu nehmen. Selbst mit der globalen Erwärmung wird das Wasser heute auch noch nicht zum Bade laden. Also habe ich auf der Bieler-Höhe nicht einmal angehalten. Nach der abschließenden Mautstation stand die Frage wie weiter an. Da half die Louis-Karte mit Tourenvorschlägen und ich nahm die grüne Tour 6 über Faschinajoch, Furkajoch Richtung Dornbirn. Schon nach den ersten Kilometern begeisterte mich die Strecke. „Machen, wovon andere träumen“ stand auf dem Kartenumschlag. Da hatte ich mir ein Weizenbier verdient.

Cafe Jenny Vormittags offen

An einer Kurve oder Schleife über einen Wasserlauf sah ich ein Cafe mit einem leeren Parkplatz, der war meiner und ich stiefelte über die Straße und eine Treppe hinauf. Es sah wenig besucht aus, aber das stört ja nicht. Cafe Jenny hieß das Etablissement und ein Schild verkündete: Vormittag offen. Das traf auch zu, denn es war schon Nachmittag und folgerichtig geschlossen. Ein zuvor anvisiertes Objekt war auf Dauer geschlossen, der Schriftzug schon von der Hauswand entfernt. Was tut sich in Austria?

Aller guten Dinge sind drei und bei einer der nächsten Kehren stand ein Reise-Motorrad mit Schweizer Kennzeichen vor dem Haus, da schienen die Aussichten besser zu sein.

gestapeltes Holz als Dämmwand

Die Wärmedämmung des Hauses sah auch schon interessant aus. In Anlehnung an vergangene Zeiten war Holz vor der Hauswand gestapelt, jedoch nicht als Wintervorrat sondern als Wärmedämmung und Insektenheim und -hotel.

Nach dem Erklimmen von fast vierzig Stufen sah man aufgespannte Sonnenschirme, Bierglas FahrenburgerTische die eine Decke hatten und die Tür zur Gastronomie stand offen. Am Tresen bestellte ich ein Kristallweizen. Gerne, war die Antwort. Doch dieses wurde revidiert, wir haben kein Kristallweizen. Na dann eben ein großes Bier, Fahrenheit stand irgendwo dran, da werden die wohl eine Sorte Bier haben. Gut, es war ein Einhornbier mit Namen Fahrenburger. Nur Sonnenterasse traf nicht ganz zu, die verschwand hinter einem bedeckten Himmel und so war es denn nicht ganz so gemütlich mit den kalten Windböen von dem Berg gegenüber.

Schweizer auf Tour

Das Pärchen, dessen Motorrad unten stand, wollte zahlen und da schloß ich mich an. Drei Euro achtzig für 0,5 Liter Bier. Der Erweiterungsbau gerade das erste Geschoß im Rohbau muß wohl noch bezahlt werden. In der Sonne wollte ich fahren und dazu mußte ich hier weg, sollen die von dem Preis etwas für die Insektenwelt abgeben.

Die Tour 6 führte in die Nähe zu Deutschland und da beabsichtigte ich Halt bei Claudia zu machen doch zuvor ereilte mich ein Stau, den ich zu umgehen versuchte, indem ich rechts in eine leere Straße nach Nirgendwo mich verdrückte. Die Sonne schien, Zeit hatte ich, doch alle Wege führen nach Lindau. Das war ja auch richtig. In Lindau versuchte ich die Frau anzurufen, auf Michaels Handy, denn sie ist ausgesprochen Technikfeindlich und sparsam, sie hat nämlich keines. Die Nummer ist mittlerweile unbekannt und mir hat das keiner mitgeteilt. Die örtliche Festnetznummer war auf meinem Phone nicht eingespeichert. Hinzu fiel mir zwar der ehemalige Zweitwohnsitz ihres Vaters ein, doch die Adresse der Hütte blieb auf der Halde meines Gedächtnisses versteckt. Auch die technische Hilfe des Navis blieb ohne Erfolg, es kannte die Adresse schon einmal, doch offensichtlich ebenfalls die Gnade des Vergessens. Da es ohnehin in der Richtung meines Heimathafens liegt, fahren wir erst einmal in die Richtung.

Ich komme zu einer mir bekannten Einmündung auf eine vorfahrtberechtigte Straße und muß anhalten, weil sich auf der ein Fahrzeug nähert. Die Fahrbahn hat an der Einmündung eine Ausbesserung mit leichtem Gefälle für den Abfluß von Regenwasser ins Grüne bekommen. Ich stehe und die Schwerkraft zwingt langsam mein Fahrzeug und mich hernieder, da meine Muskelkraft im rechten Bein nicht auszureichen scheint. Sehr ärgerlich, aber warum passiert das? Ich liege auf dem Stahlroß und muß die Niederlage hinnehmen, kann jedoch alleine aufstehen. Da fließt Benzin aus oder neben dem Einfüllstutzen aus, da muss ich sofort eingreifen und das Radl anheben, was der erste Schritt zum Aufrichten ist.

Straße mit Gefälle

Doch Aufrichten kann ich nicht alleine. So eine Schmach. Ein PKW-Fahrer hat angehalten und kommt mir zu Hilfe, dem ich mein Problem mit dem Aufrichten sage. Er kennt das, er sei auch Motorradfahrer. Noch mit meinem Niederwurf belastet, frage ich nicht nach. Das Motorrad steht wieder und wird zwei Meter aus der Abbiegung geschoben, meine Helfer, es sind jetzt zwei, verabschieden sich nach dem Vergewissern, dass mir nicht passiert und meiner Weiterfahrt nichts im Wege steht.

Ich mache ein, zwei Fotos von der Stelle des Ereignisses und versuche die Ursache zu finden. Das ist natürlich einfach, die Erdanziehung der Masse des Motorrades war größer als die Muskelkraft in meinem rechten Bein. Das erklärt nicht, ob ich einen Fehler begangen habe und wie ich so etwas demnächst vermeiden kann. So langsam dämmert es mir, da ist ein Systemfehler. Das war nicht der Fluch des wasserspritzenden Priesters.

Der Vorbesitzer sagte: er verkauft das Motorrad, weil er es nicht mehr halten könnte. Der Ersthelfer sagte, er kenne das.

Die Motorräder mit dem immer größer werdenden Hubraum haben einen höheren Schwerpunkt und damit wirkt die Erdanziehung bei immer kleineren Winkel der Seitenneigung kräftiger. Die 1600 BMW mit dem Packtaschenexcess gestern in Ischgl hätte hier auch jeden Fahrer in die Knie gezwungen. So kräftig kann kein Mensch sein. Da die Fahrbahndecke rechts zur Wiese hin mehrere Zentimeter abfiel, war an dem Haltepunkt der rechte Fuß erst auf dem Boden in der Stellung, wo der Winkel zum falling-down überschritten war. Ein Verkehrsschild mit der Warnung für Motorradfahrer das Rechtsfahrgebot ist hier sturzgefährdend, gibt es noch nicht und vor Ort schon garnicht.

Ich nahm diese Unterbrechung als Zeichen des Himmels (das Weihwasser scheint von Nachteil gewesen zu sein.) und beschloß nicht in der Gegend zu bleiben und nach Hause zu fahren. Allerdings war es schon Nachmittag und der Weg noch weit, zu weit. Das Navi wurde jetzt angewiesen: nach Hause und zwar schnellster Weg auch wenn es über Autobahn geht. Es ging da etwas schneller, jedoch es regnete auch. Also bei der Entfernung zirka 700 Kilometer, bei Nachtfahrt nicht so das reinste Vergnügen und da ich schon den ganzen Tag in dem Fahrsessel mehr oder etwas weniger verbracht hatte, drängte sich die Übernachtungsfrage auf. Erste Prämisse: möglichst aus dem Regengebiet. Hat ja auch geklappt, jedoch gegen den Preis der Dunkelheit. Da ist eine Abfahrt von der Autobahn zum Suchen einer Übernachtungsgelegenheit mit der Erwartung eines neuen Regenschauers nicht so freudeauslösend. Pause mußte aber sein, weil die Augenlider schwer wurden. Ein Rastplatz, offensichtlich neu angelegt, da der Boden noch Bauspuren trug und dessen Eigenschaft als Notzeltplatz deshalb nicht gegeben war, lud mit nur zwei Beleuchtungskörpern und geringer Belegung ein. Auf einer Anhöhe, vier Meter höher als die Fahrbahn waren ein paar Sitzbänke, die jedenfalls besser als die auf Parkplatzhöhe schien. Eine Besichtigung bestätigte dies ohne etwas noch besseres zu bieten. Da fuhr ich ohne Fahrspur hin und nahm die Abendmedikamente.
Noch unschlüssig, ob nicht die Suche nach einem besseren Platz sinnvoll wäre, fährt eine Polizeistreife auf den Parkplatz und bleibt gleich nach der Einbiegung stehen, deren Scheinwerfer konnten mich nur marginal beleuchten, außer mir gab es nichts, weshalb die da stehen bleiben konnten. Doch mein Motorrad stand nicht auf dem Parkplatz und dessen Nummernschild reflektierte das wenige Licht, was es erreichte. Es stieg niemand aus und ich saß auf einer Bank und wartete ab. Der Platz war nicht geeignet. Die Leute fuhren nach ein paar Minuten weg. Wer versichert die Ruhezeit, wenn die wiederkommen oder auch nur Kollegen damit beauftragen. Einfach nicht gut zum Schlafen.
Der andere Platz einige Meter weiter auch nicht, dort wurde man nicht gleich bei der Einfahrt auf den Parkplatz gesehen, jedoch stand dort ein LKW mit Kühlaggregat, welches regelmäßig ansprang.

Im Dunkeln aufstehen

Auf das Wetter war kein Verlaß und es war dringenst angesagt das Zelt aufzustellen. So tat ich es denn auch. Auch wenn irgendwann ein LKW zu seiner Fahrt aufbrach, mein Kühllaster blieb und es waren nur zwei LKWs auf dem Platz. Vor Sonnenaufgang packte ich dann auch zusammen und es ging weiter. Zunächst recht lustlos, bis die Sonne aufging und es etwas wärmer wurde. Klar dass das Navi angewiesen wurde, die Autobahn zu meiden.

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