Avni

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Am Shabat zu Mittag bei Ruthi

Unser Local-Guide S fährt zu Ruthi immer mit dem Bus, wir sind mit dem Auto in Haifa unterwegs. Zunächst mehrspurige Straßen in Richtung dort, es erscheint links die Zielgegend, also bei der nächsten Gelegenheit in einigen Kilometern links abbiegen und zurück fahren. Mache ich doch ganz entspannt, ich weiß nicht wo die Örtlichkeit ist und den Weg dahin auch nicht. Da kann nichts schief gehen. Langsam, der Bus, mit dem S zu Ruthi immer fährt, verläßt den Highway hier rechts den Berg hinauf. Machen wir doch und zwar soweit, bis es nicht mehr weiter geht. Muß wohl eine Abfahrt zu früh gewesen sein. Wir stehen in einer Sackgasse, die mit Müllbehältern verschönt wird.

Wir fahren den Berg wieder herunter auf den Highway, es ist zwar nicht der Highway und nur ein Zubringer, von den Abfahrten wirkt er ähnlich. Die nächste Abfahrt ist dann richtig. So einfach ist es dann auch wieder nicht, es bestehen da Einbahnstraßenregelungen. „Ich bin immer da rein“ wird durch ein Verkehrsschild verhindert, also die nächste Einfahrt rechts herein, die führt eine schöne Schleife, nur eben nicht an den Zielpunkt. Wir kommen an den Ausgang der Einbahnstraße. Da entscheide ich im Angesicht leerer Parkplätze: wir gehen zu Fuß dahin.

Schnell ein Foto gemacht, damit ich den Parkplatz wiederfinde.

Hinter einer grünen sehr schönen Verschwenkung des Zugangs zum Haus stehen wir im Hausflur, der mich an meine Weddinger Zeiten erinnert. Der Anblick der Briefkästen läßt die Vergangenheit aufleben, in der ich beständig die Hausverwaltung trietzen mußte die Briefkastenanlage in Ordnung zu halten, was auch Erfolg zeigte.

Eine unsauber wirkende Briefkastenanlage.

An der Zarge der Wohnungstür hängt ein merkwürdiges Etwas in knapp unter Schulterhöhe. Merkwürdig, weil deutlich schief und verziert. Eine mögliche Alarmanlage, Überwachungseinrichtung, ein Signalgeber? S hat schon geklingelt und die Wohnungstür geht auf, wir werden herzlichst empfangen, was mich daran hindert dieses Teil unauffällig genauer in Augenschein zu nehmen. ( In Shavei Zion wurden von Judith mehrere dieser Art bedient, habe ich bemerkt. )

Ruth Avni, geborene Stein wird achtzig Jahre und ist in Ecuador und Chile aufgewachsen. ( Genaueres hier ) Ihre Verwandschaft hat – ähnlich wie die Generation meiner Eltern – fast nichts vom Leben im Tausendjährigen Reich erzählt.

Da niemand von den befragten Eltern etwas mehr als sie waren auch dabei und bestenfalls noch die Truppeneinheit preis gab, suchte man Informationen, wo es sie gab. Das war in Deutschland ein gängiges Verhalten, was man vermarktete und führte zu einer Nachfrage bei den Landserheften, die damals in Tauschläden günstig zirkulierten.

Ein ähnliches Verfahren und literarisches Fixieren aus Sicht der Opfer ist mir nicht bekannt.

Und wie das zu Zeiten der Landserhefte üblich war, wenn Besuch kam, wurde aufgetischt, was Haus und Hof so hergab. Vorweg ist eine Suppe Pflicht, einen Vorspeisenteller kannten wir damals nicht, aber probiert wurde alles – jedenfalls bis zum Nachtisch. Nach Pappsatt kommt Übel, das will doch keiner.

Nach dem Essen kommt die Show. Eine DVD wird auf dem Laptop von der Geschichte Stolpersteinverlegung für die Steins in Berlin-Siemensstadt abgespielt, was ich wegen des Sitzplatzes hinter dem Display nur hören konnte.

Nonnendammallee, da kenne ich nur das Hertie-Kaufhaus, heute Poco, schräg gegenüber des stillgelegten S-Bahnhofes Wernerwerk. Heute ist der Bahnhof kaum noch erkennbar. Ich habe da mehrere Jahre im Wernerwerk gearbeitet, die Örtlichkeit muß ich überprüfen. Egal was für eine Bebauung ich kennen müßte, es wird etwas Nachkriegsmäßiges gewesen sein, denn Ulrike Kiefert schreibt in der Berliner Woche „Das Kaufhaus (…) wurde im Februar 1945 ausgebombt“. Die Information wird wohl aus dem Bauantrag stammen. Sie konnte mir nichts genaueres sagen. Nur von Bauantrag hat sie nichts geschrieben. Die Berliner Woche ist halt kein Wissenschaftsblatt.

Eine Besonderheit bei der Verlegung der Gedenksteine war die Durchführung der Straßenbauarbeiten, die nicht der „Künstler“ Demnig selbst vornahm sondern ein Maurerauszubildender (Von Kiefert als Lehrling deklariert) und sein Ausbilder vom lokalen Oberstufenzentrums wahrscheinlich ehrenamtlich mit warmen Worten bezahlt. Da interessiert mich der Charakter des Herrn Demnig, nur direkt nachfragen geht nicht. Ich schrieb an einen mitfinanzierenden Abgeordneten und fragte an:

Gibt es historische Aufnahmen und Berichte?
Da zur Zeit alle Bibliotheken geschlossen sind, die nächste Frage zu dem Werk der Humboldt-Universität „Ausverkauf – Die Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit in Berlin 1930-1945“.
Inwieweit ist da die konkrete Geschichte des Kaufhauses Stein in der Nonnendammallee dargelegt?
Sie waren an der „Stolpersteinlegung“ beteiligt und das Object sieht aus wie aus dem Imperium Demnig. Es wurde aber nicht von ihm gesetzt. Wie lief der gesamte Vorgang ab und wer hat gezahlt?

Es gibt jetzt drei Gedenksteine auf dem Gehweg, jedoch läßt sich die Geschichte nicht eruieren. Gibt es graue Literatur, wenn ja wo?

Ich bekam den obigen und einen Link zu einem Gemeindebrief, in dem die Initiativgruppe dargestellt wird. Die speziellen Fragen zu Belegen wurden nicht beantwortet. Die Frage nach der Ehre von Herrn Demnig schon. Ein Gedenkstein kostet 120 Euro mit oder ohne Einsetzen in das Straßenpflaster.

Hintergrund für die negative Bewertung dieses Künstlers ist folgender: Das JobCenter wollte mich in eine Maßnahme mit Mehraufwandsvergütung von 1,5 Euro vermitteln neben so Tricks wie reduzierter Arbeitsstunden, so einen Zwangsjob, den man nicht ablehnen darf. Da sollte ich die Angaben zur Beantragung zur Genehmigung der Gedenksteine auf korreckte Nachweise überprüfen. Ein Einblick in konkrete Archive hätte mich schon für eigene Intentionen interessiert, aber ich will kein Ein-Euro-Fußabtreter sein. Im Vorfeld der Bewerbung nahm ich das Geschäft „Stolperstein“ unter die Lupe. Ich besorgte mir die Verlegeliste von mehreren Tagen in Berlin, lief beziehungsweise fuhr fast einen ganzen Tag Steinesetzung ab. Zur Krönung grinst mich ein Plakat am Fahrstuhl des Kreuzberger Rathauses an, welches ich zur Nutzung einer Toilette aufsuchte: „Verdienen Sie, was sie verdienen“ von der Verdi-Frauengruppe.

Das war ein Zeichen Gottes, dem ich mich nicht verweigern konnte. Bei der Vorstellung in der städtischen Bibliothek war ich gut vorbereitet. Ja, Frau Amtsleiterin, kann ich mir gut vorstellen. Die Bezahlung möchte ich doch noch ansprechen. Der Nutznießer generiert hundertausend Euro Umsatz im Jahr und ich soll für ein Euro arbeiten?

Für die Bezahlung ist sie nicht zuständig.
Das war die falsche Antwort. Sie nur Aufseherin.
Merkte sie auch gleich und fragte noch einmal ob ich die Tätigkeit machen wollte. Selbstverständlich. Allerdings kündigte ich auch den möglichen Ärger an, denn ob ich immer freundlich mit dem Künstler kommunizieren kann, könnte problematisch werden. Ich habe die ganze Arbeitszeit um Möglichkeiten zu finden, das Kölner Stadtarchiv einstürzen zu lassen. Wie bekannt ist, es ist eingestürzt.

Die haben mich nicht eingestellt und das, obwohl ich schon ohne Bezahlung eine edle Stolpersteinberichterstattung erstellt hatte.

Die Stolpersteine in der Nonnendammallee sind ein Jahr nach der Verlegung noch nicht in der Datenbank Stolpersteine-Berlin zu finden. (Abfrage 15.7.2020) Verweigert sich da ein Zwangsarbeiter? Das ist Sabotage.

Da wurden Menschen enteignet, verletzt, ermordet und verbrannt. Es gibt nichts mehr von ihnen, dann kommt ein Deutscher und zeigt wie aus der Erinnerung an die Opfer noch richtig Kapital zu schlagen ist und zwar zu seiner persönlichen Bereicherung. Und wieder kommen Zwangsarbeiter, diesmal zu Verwaltungszwecke, zum Einsatz. Haben wir Deutsche denn garnichts gelernt?
In Österreich ist es anders, die nennen die Messingplatten Steine der Erinnerung und umgehen die Wortmarke Stolperstein, zahlen keine Lizenzgebühren, das findet der Künstler nicht angemessen, ist doch seine europaweite Beute.

Problematisch ist die regelmäßige Betreung / Wartung der Messingplatten. In Deutschland sehe ich sehr viele, die die golden-glänzende Messingoberfläche verloren haben und somit auch die Funktion Aufmerksamkeit zu erhalten, wenn auch nur von Eingeweihten. Es ist allerdings sehr aufwendig eine Aufstellung der verrottenden Straßendenkmäler aufzulisten. Angesprochen wird der Faktor noch nirgends.

Die hehre Absicht: die Menschen sollen sich vor den Solpersteinen verneigen und nicht achtlos darüber latschen habe ich einmal am Alexanderplatz gefilmt, so versucht Anspruch und Wirklichkeit darzustellen.

Die gesamte Front zwischen den Querstraßen hat die Hausnummer 82.