Von Haifa zum Toten Meer

Von Haifa zum Toten Meer

Von Haifa zum Toten Meer

Wir fahr’n, fahr’n nicht auf der Autobahn, die soll ja Maut kosten und außerdem wollen wir etwas vom Land sehen. Wir fahren den Karmel hinauf. Das Wetter ist Trübe und aus den Wolken tröpfelt es hin und wieder.

Von der Route habe ich keine Ahnung, aber S hat die große Israelkarte und führt. Die Karte ist wahrlich groß, beidseitig bedruckt und hat ausgefaltet 100 Zentimeter mal 130 Zentimeter Kantenlänge. Fünfeinhalb mal in der senkrechten gefaltet und acht mal waagerecht. Trotz sorgfältigster Handhabung im Auto reißen die Faltkanten ein. Sie ist für eine Planung an der Wand oder auf einem Kartentisch geeignet, jedoch nicht im Feld. Soweit mir das bekannt ist, es gibt keine andere.

Führen ist nach dem Verlassen von Haifa eine üppige Beschreibung, denn es gibt nur noch den Weg nach Jerusalem, alles andere sagt mir nichts. Ab und zu fehlt auch diese Richtungsangabe. Auf dem Berg zieht es sich hin, wir kommen nicht vorwärts und das Wetter ist halt die Großwetterlage Haifa. Da kommt ein Parkplatz mit Aussicht und Pause muß sein, den wählen wir aus, wie auch schon zwei andere Fahrzeuge vor uns.

29 Dezember 2019 um 15 Uhr Parkplatz auf dem Karmel
Konkret bei Google verzeichnet.

Wir brauchen immer noch lokales Geld, in Haifa waren die Wechselstuben wegen Shabat geschlossen und den einzigen gesehenen Geldautomaten wurde wegen hoher Gebühren (so zumindest die ortsansässige S) gemieden. Jedenfalls versuche ich krampfhaft eine Wechselstube zu erblicken, so weiß ich nicht ob die Route durch das Westjordanland ging oder daran vorbei. Der letzte definierbare Punkt war der obige Parkplatz, weil die Kamera das per GPS-Koordinaten festhält.

Die Tankanzeige meldet sich, da gibt es nichts anderes als Tanken und das auf VISA-Karte trotz Auslandsgebühren. L hat natürlich keinen Beleg angefordert, den interessiert nicht wieviel Kraftstoff das Fahrzeug verbraucht, noch die Tankstellenadresse, ihm alles egal. Na vielleicht bekomme ich die Information mit der Kartenabrechnung. Von wegen, auf dem Bankauszug steht :

Lastschrift VISA SHAREI DELEK KMONAUT -51,80
03.01.2020 NR8120621013 NEVE ZOHAR IL KURS 3,8609230 KAUFUMSATZ 30.12
200,00 100124 ARN74580009365174077768766

Google fragen. Google antwortet unverständlich. Delek Kmonaut wird die Kartenzahlungsabrechnungsstelle in Israel sein. Damit ist Ende der Nachverfolgung.

Weil im Mietvertag für das Auto steht: „Fahren in das Westjordanland ist ausgeschlossen“, gehe ich davon aus, da sind wir nicht gefahren. Ich weiß es jedoch nicht. Irgendwelche Schranken oder Checkpoints haben wir an dem Tag nicht passiert.

Es wurde dunkel und meine Mitfahrer unkten von Jerusalem, die verbotene Stadt. Hat mich nicht interessiert. Verboten hin oder her, wir brauchen immer noch Bargeld und schon sind wir in Jerusalem. Kein Geldautomat zu sehen und Parkplatz auch keiner. Wir fahren in eine kleinere Einbahnstraße und auf der linken Seite eine Schaufensterfront mit Bankschriftzug. Zwar kein freier Platz zum Anhalten, aber rechts ist ein eingezäunter fast leerer Parkplatz. Das ist meiner. Ein kleines Kassenhäuschen etwas nach hinten versetzt hat ein aufgemaltes Einbahnstraßenschild, ist aber unbesetzt. Merkwürdig, links vorbeifahren, warum das? Der gesamte Parkplatz mit Kameras überwacht. Hinter mir hupt ein anderes Fahrzeug, es überholt mich und ist vorbei. Was wollte der mir jetzt sagen? Ich bewerte das als iraelischen Gruß, hallo ich fahre an dir vorbei. An der Grundstücksgrenze ist ein dunkles Etwas, eine Schiene auf dem ein Tor laufen könnte, zu sehen ist nichts davon. Da fahre ich ganz langsam drüber. Das klingt komisch insbesondere muß das Rad einen Widerstand überwinden und ich halte an, steige aus und besichtige das Teil.

Ja, es ist das, was man sich mit einem Leihwagen in einem fremden Land Shabat nachts wünscht. Eine federbelastete Einfahrtsperre mit Schneidkrallen.

Diese Einfahrtsperre ist am Toten Meer bei Tage gesichtet worden.

Da ich mit den Vorderrädern darüber hinweg war und der linke Reifen keine Luft verlor, fuhr ich ebenso langsam über die „Messer“ und in eine Parkbucht unter Mißachtung des aufgemalten roten Kreises mit weißem Querstrich an dem Häusle. Eine erste Sichtprüfung an den Rädern sah keinen Luftverlust aus den Pneus, das kann noch kommen. Eventuelle Schäden können auch erst bei höheren Geschwindigkeiten auftreten. Alles nicht sehr beruhigend.

Jetzt über die Straße und in die Automatenhalle der Bank rein. S berichtet auch gleich: der gibt mir kein Geld, der akzeptiert meine Karte nicht. Zum Glück klärt uns ein Einheimischer auf: der Automat ist leer, wir können den anderen nehmen. Welch ein Glück.

Zurück auf den Parkplatz, da sehe ich die richtige Einfahrt, die zu dieser Zeit mit einem dichten Zaun verrammelt ist, das ist jetzt zu spät und ich brauchte den Parkplatz. Die Reifen kontrolliert, so weit man das sehen konnte, war alles noch in Ordnung. Jetzt aber weg aus der verbotenen Stadt. Die Überwachungskameras sind nach wie vor eine Bedrohung und die Einsatzgruppen möglicherweise schon unterwegs. Bei der Ausfahrt geben die Krallen leichter nach. Hätte noch gefehlt, das die umprogrammiert werden können.

Der Tank ist voll, Geld haben wir auch und zu essen, zu essen alles was bei Ruthi nicht gegessen wurde. Hat sie uns eingepackt. Die Reifen haben auch überlebt. Jetzt wollen wir an das Tote Meer. Wintercamping.

Über lange Zeit geht es abwärts, rechts und links rötliche Gesteinsformation und nichts interessantes zu sehen, dafür Strahlungswärme. Ich empfinde das angenehm. Vor uns ist ein großer fast leerer Parkplatz auf dem ein, zwei LKWs zu übernachten scheinen und eine Tankstelle mit Festbeleuchtung. Draußen unter einem Vordach ist ein großer Bildschirm auf dem ein Fußballspiel läuft, eine arabische Mannschaft gegen eine aus Indien. Ein gelangweilt wirkender Mann sieht gelegentlich hin, aber sonst sitzt er nur ‚rum. In der Tankstelle ist niemand und den draußen interessiert das Vorgehen im Shop nicht. Einer geht gemütlich zum Parkplatz, der scheint auch nichts mit der Tankstelle zu tun haben. Es wirkt wie: Freitag ab eins, macht jeder seins.

Neben den Tanksäulen ist allerhand Krempel im Angebot, Sonnenhut, Badereifen und anderes sommerliches Gedöns. Hier bin ich richtig. Schneeketten und Eiskratzer hätten mich nicht erfreut. Unter anderem sind kleine Zelte im Angebot. Sie wirken eher als Kinderspielzeug. Die machen mich dennoch stutzig, untersuche das Angebot jedoch erst nach dem Kaffee und dem Besuch der Toiletten.

Tankstelle mit Supermarkt am Toten Meer.

Es läßt mir keine Ruhe. Wieso verkaufen die hier an einer Tankstelle Zelte? Gibt es hier wie in Haifa Wetter- oder andere kapriolen, die Zelte zerstören? Die gesamte Auslage ist mehr oder weniger unter freiem Himmel, das wird offensichtlich nachts nicht weggeräumt und eingeschlossen. So ist es auch, der Verkäufer kommt mit einer warmen Jacke, setzt sich in eine windgeschützte Ecke und versieht seinen Nachtdienst indem er ab und zu aufsieht.

Spätere Recherche bei Google Maps ergibt ein Bild eines touristischen Hotspots. Internet über WLAN wie fast überall in Israel selbstverständlich. Kamelausflüge starten hier.

Die Situation erinnert mich an Thailand, es ist Nacht, gemäß Datumstempel des Fotos 23:30 abzüglich Zeitverschiebung von zwei Stunden, die Läden alle geschlossen, dennoch sind dort Beschäftigte, die nichts tun. Hier wie in Thailand ist der real existierende Sozialismus abgewandert. Wer eine Umsatzgrenze oder andere Bemessungsgrundlage erreicht, muß soviel Beschäftige haben. Wie er die beschäftigt, ist Sache des Unternehmers. Den gleichen Eindruck von zuviel Personal hatte ich bei der Autovermietung, bei dem German-Colony-Hostel ist mir das nicht aufgefallen. Dort war dafür eine merkwürdige Hierachie, eine Zuständigkeitsregelung aufgefallen und die weist ebenfalls auf zuviel Personal hin. Hinzu kommt die Bemerkung von S „in Israel gibt es sehr viele, die nur einen Mindestlohn verdienen.“ Das Bild rundet sich ab.

Wir fahren weiter an’s Tote Meer und landen an einem Industriegebiet. Die Gegend lädt nicht zum Zelten ein und wir fahren zurück. An einer längeren Geraden hundert Meter abseits ein paar Häuser ohne Fensterrahmen. Das mußte untersucht werden, geben die doch einen Sichtschutz zur Straße ab.

Gleich das erste Gebäude hatte einen ebenen fast sauberen Boden und da es kein Fenster gab, war auch keine Türe mehr da. Irgendwie die Gebäude aufgegeben. Freundlicherweise lag ein Besenkopf herum, der die paar Putzbrösel beiseite schaffen konnte, haben offensichtlich auch andere Besucher des Etablissements schon benutzt, der gehört zur Einrichtung. Vor der Tür stand ein kleines verrostetes Faß. Irgendwie verbunden mit einem ebenfalls verrosteten Stacheldrahtrest, cirka eineinhalb bis zwei Meter. Das mußte jedenfalls etwas von der Tür weg. Wer will schon morgens davon begrüßt werden. Man denkt an nichts Böses und wird von so einem Fangarm festgehalten. Ich brauche jedenfalls einen freien Fluchtweg, wenn Gevatter Bär seine Höhle wiederhaben will. Die Gäste vor uns hatten da eher einen abgeschlossenen Besitzanspruch, statt Tür Stacheldraht. Hier wohne ich. Die Menschen sind unterschiedlich.

Es kommt wie es kommen muß, wenn man sich Zelte ausleiht und nicht kontrolliert. Sie sind unvollständig oder haben Schäden. Das große war ohne Gestänge, brauchten wir zwar nicht, weil es hier nur als Unterlage zum Einsatz kam. Aber gut zu wissen.